Vollbenutzungsstunden berechnen: Die Kennzahl, die Ihre Netzentgelte bestimmt
Vollbenutzungsstunden berechnen ist der erste Schritt, um zu verstehen, warum Ihre Netzentgelte so hoch sind, oder warum sie es nicht sein müssten. Die Kennzahl beschreibt das Verhältnis zwischen Jahresverbrauch und Leistungsspitze und entscheidet darüber, in welchem Tarifregime Sie Ihre Netzentgelte zahlen.
Klingt abstrakt. Die Auswirkung ist es nicht: Die Vollbenutzungsstunden bestimmen, ob der Leistungspreis oder der Arbeitspreis der größere Kostenblock auf Ihrer Stromrechnung ist, und damit, an welcher Stelle Optimierung überhaupt ansetzt.
Formel: Vollbenutzungsstunden berechnen
Die Berechnung:
Vollbenutzungsstunden (h/a) = Jahresenergieverbrauch (kWh) ÷ Jahreshöchstlast (kW)
Beide Werte stehen auf der Stromrechnung oder lassen sich aus den RLM-Lastgangdaten ablesen. Die Jahreshöchstlast ist der höchste 15-Minuten-Mittelwert im Abrechnungszeitraum.
Rechenbeispiel 1: Ein Betrieb verbraucht 1.200.000 kWh pro Jahr. Seine Jahreshöchstlast liegt bei 400 kW.
Vollbenutzungsstunden: 1.200.000 kWh ÷ 400 kW = 3.000 h/a → über der 2.500h-Schwelle.
Rechenbeispiel 2: Ein Betrieb verbraucht 500.000 kWh pro Jahr bei einer Jahreshöchstlast von 300 kW.
Vollbenutzungsstunden: 500.000 kWh ÷ 300 kW = 1.667 h/a → unter der 2.500h-Schwelle.
Entscheidend: Es geht nicht nur um den Verbrauch, sondern um das Verhältnis von Verbrauch zu Spitze. Ein Betrieb mit hohem Verbrauch und gleichmäßiger Last hat hohe Vollbenutzungsstunden. Ein Betrieb mit moderatem Verbrauch und einzelnen hohen Peaks hat niedrige.
Was sagen die Vollbenutzungsstunden über einen Betrieb aus?
Die Kennzahl ist ein Indikator dafür, wie gleichmäßig ein Betrieb Strom verbraucht:
Hohe Vollbenutzungsstunden (über 4.000 h/a): Gleichmäßiger Verbrauch, oft Dreischichtbetrieb oder Durchlaufprozess. Die Lastspitzen liegen nicht weit über der durchschnittlichen Leistung. Typisch für Grundstoffindustrie, Chemiebetriebe und große Metallverarbeiter.
Mittlere Vollbenutzungsstunden (2.500–4.000 h/a): Zweischichtbetrieb oder Einschicht mit hoher Grundlast. Der Betrieb liegt im Übergangsbereich. Genau hier lohnt sich eine genaue Prüfung der Netzentgeltstruktur besonders.
Niedrige Vollbenutzungsstunden (unter 2.500 h/a): Einschichtbetrieb, saisonale Produktion oder hohe einzelne Lastspitzen bei moderatem Gesamtverbrauch. Die Leistungsspitze ist im Verhältnis zum Verbrauch überproportional hoch.
Die schnellste Einschätzung von außen: Wie viele Schichten fährt der Betrieb, und läuft die Produktion auch am Wochenende? Dreischicht und 7 Tage heißt fast immer über 2.500 h/a. Einschicht und 5 Tage heißt oft darunter.
Warum 2.500 Vollbenutzungsstunden die kritische Schwelle sind
Die Preisblätter für RLM-Kunden haben zwei Preisstufen: eine unter 2.500 h/a und eine ab 2.500 h/a. Die rechtliche Grundlage ist §16 Abs. 2 StromNEV in Verbindung mit Anlage 4.
Der Unterschied zwischen beiden Tarifgruppen:
Unter 2.500 h/a: Höherer Arbeitspreis (ct/kWh), niedrigerer Leistungspreis (€/kW·a). Der Gesamtverbrauch bestimmt den Großteil der Netzentgelte.
Über 2.500 h/a: Niedrigerer Arbeitspreis, höherer Leistungspreis. Die Jahreshöchstlast wird zum dominierenden Kostenfaktor.
Das ist kein abrupter Sprung, sondern eine Verschiebung der Gewichtung. Bei exakt 2.500 Vollbenutzungsstunden pro Jahr schreibt der Gesetzgeber vor, dass beide Tarife, trotz ihrer unterschiedlichen Gewichtung, bis auf kleinere Rundungsabweichungen identisch sein müssen. Für die Optimierung ändert sich aber viel: Bei Westnetz in der Mittelspannung spart ein Kilowatt weniger Spitze unter 2.500 Stunden 16,82 Euro im Jahr, ab 2.500 Stunden 134,32 Euro.
Wo Ihr Betrieb liegt, zeigt der Einsparcheck mit zwei Zahlen. Der Netzentgelt-Report rechnet dann mit dem Preisblatt Ihres Netzbetreibers.
Vollbenutzungsstunden und Optimierungsstrategie
Die Kennzahl entscheidet, welcher Ansatz sinnvoll ist:
Über 2.500 h/a → Lastspitzen reduzieren: Jedes kW weniger bei der Jahreshöchstlast spart direkt Leistungspreis. Gestaffeltes Anfahren, Schichtplanung, Lastmanagement: Das sind die Hebel.
Unter 2.500 h/a → Grundlast und Arbeitspreis optimieren: Wochenendverbrauch senken, Druckluft-Leckagen beseitigen, Beleuchtung, Standby-Lasten. Jede eingesparte kWh wirkt hier stärker.
Knapp an der Schwelle → genau rechnen: Sinkt die Jahreshöchstlast so weit, dass der Betrieb über 2.500 Stunden kommt, ist jedes weitere eingesparte Kilowatt ein Vielfaches wert. Das setzt voraus, dass man die eigenen Daten kennt.
RechenbeispielEin Betrieb mit 2.400 h/a liegt knapp unter der Schwelle. Sein Leistungspreis ist vergleichsweise niedrig, der Arbeitspreis hoch. Eine einzelne vermeidbare Lastspitze hat die Jahreshöchstlast um 30 kW auf 318 kW angehoben. Ohne diese Spitze lägen die Vollbenutzungsstunden bei 2.650 h/a. Mit den Westnetz-Preisen 2026 für die Mittelspannung sinken die Netzentgelte dadurch um 2.535 Euro im Jahr. Bliebe der Betrieb unter 2.500 Stunden, wären es nur rund 505 Euro.
Vollbenutzungsstunden herausfinden
Am einfachsten über die Stromrechnung: Jahresverbrauch in kWh und Jahreshöchstlast in kW ablesen, teilen, fertig. Für eine genauere Analyse, insbesondere um zu verstehen, welche Spitze die Jahreshöchstlast verursacht hat, brauchen Sie die 15-Minuten-Lastgangdaten vom Netzbetreiber oder Stromanbieter.
Anhand Ihrer Lastgangdaten berechne ich Ihre Vollbenutzungsstunden und zeige Ihnen, in welchem Tarifregime Sie sich befinden.
Nächster Schritt
Sie kennen jetzt die Formel. Aber die Frage ist nicht nur, wie hoch Ihre Vollbenutzungsstunden sind, sondern warum. Welche einzelne Viertelstunde hat Ihre Jahreshöchstlast gesetzt? War sie vermeidbar? Und was kostet Sie das pro Jahr?
Ich analysiere Ihre Lastgangdaten und zeige Ihnen genau das, herstellerunabhängig und ohne Hardware-Agenda.
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